Lügenpresse: Studie zum Vertrauensverlust zwischen Medien und Publikum
Erosion des Vertrauens zwischen Medien und Publikum?

Lügenpresse: Studie zum Vertrauensverlust zwischen Medien und Publikum

Demokratische Gesellschaften brauchen das Vertrauen ihrer Bürger. Kritik und Kontroversen schließt das nicht aus, im Gegenteil. Zu einer vitalen öffentlichen und politischen Kultur gehören ein gesundes Misstrauen, Skepsis und Zweifel. Daher ist es aus normativer Perspektive nicht unbedingt beunruhigend, wenn in Deutschland und in anderen demokratischen Staaten das in Umfragen gemessene Vertrauen in die Politik keine Spitzenwerte erreicht. Dasselbe gilt für die Massenmedien oder den Journalismus. Ein Mindestmaß an Vertrauen und Rückhalt beim Publikum sind allerdings unabdingbar, und in jüngster Zeit mehren sich die Anzeichen für eine tiefe Vertrauenskrise und eine zunehmende Entfremdung relevanter Bevölkerungsteile von den etablierten politischen und medialen Akteuren. Dies gibt dann sehr wohl Anlass zur Sorge. Das Erstarken von Populisten und Verschwörungstheoretikern, Angriffe auf Journalisten und das Lautwerden von „Lügenpresse“-Rufen haben Debatten über ein womöglich grundsätzlich gestörtes Verhältnis zwischen Medien und Publikum ausgelöst.

Kein dramatischer Vertrauensverlust gegenüber Medien erkennbar

Die Studie zeichnet ein facettenreiches Bild der Einstellungen deutscher Bürger zu den Medien. Weder Alarmismus noch Sorglosigkeit sind angebracht. Ein umfassender, dramatischer Vertrauensverlust ist nicht zu erkennen. In einem Teil der Bevölkerung lassen sich sogar Anzeichen für eine Zunahme des geäußerten Vertrauens ausmachen, die als Unterstützung für etablierte Medien in Krisenzeiten interpretiert werden kann. Allerdings artikulieren auf der anderen Seite bemerkenswert hohe – und bei manchen Fragen wachsende – Anteile der Bevölkerung ein erhebliches Misstrauen. Diese Menschen stimmen oft auch sehr scharfen und pauschalen Vorwürfen gegen etablierte Medien zu, die sich wissenschaftlich nicht halten lassen.

Gestiegene Sensibilität für Medienkritik

Aus den Daten ergeben sich Hinweise auf eine gesteigerte Sensibilität der Bürger für Fragen der Medienkritik und auf eine Polarisierung der Debatte über die Medien. Dies steht im Einklang mit einer gestiegenen Aufmerksamkeit infolge der gegenwärtigen Diskussionen: Manche lassen sich demnach von negativen (Vor-)Urteilen beeindrucken und anstecken, anderen wird in der aufgeheizten Stimmung hingegen bewusst, wie sehr sie den etablierten Medien doch vertrauen – und was sie, gerade im Vergleich zu anderen Staaten, in Deutschland am hiesigen Journalismus haben. Generell ist es für Demokratien und eine freie Mediengesellschaft typisch (und sicherlich wünschenswert), dass die Bürger nicht nur Politiker, sondern auch Journalisten kritisch hinterfragen. Viele sind sich der Verzerrungen und Fehlleistungen bewusst, die in der Berichterstattung vorkommen können und die auch wissenschaftlich schon vielfach nachgewiesen worden sind.

Propaganda und Desinformation begünstigen Verschwörungsmythen

Nicht alle, die heftige und pauschale Kritik an etablierten Sendern und Zeitungen üben, haben bereits ein kohärentes und gefestigtes Anti-Medien-Bild. Offensichtlich spielen derzeit rasch schwankende Stimmungen eine große Rolle. Doch es existiert auch ein harter Kern von Medienzynikern. Typischerweise neigen diese Menschen zu Verschwörungstheorien, und das Ausmaß an Zustimmung zu kruden Verschwörungstheorien ist für eine demokratische Gesellschaft, die sich an Idealen der Aufklärung und der Wissenschaftlichkeit orientiert, besorgniserregend. Die unsichere Weltlage und der verschärfte Einsatz von Propaganda und Desinformation in der internationalen Politik sind, kombiniert mit neuen Techniken und medialen Trends, wie geschaffen dafür, die Bürger weiter zu verunsichern und in Verschwörungsmythen zu treiben. Viele Menschen fragen sich derzeit, nicht zuletzt wegen der Berichte über Fake News und wegen diverser, auch staatlicher, Desinformationsstrategien, wem sie überhaupt noch trauen können und was verlässliche Tatsachen und Quellen sind.


Indem die Medien denen, die eigentlich eine extreme Minderheit sind, besondere Aufmerksamkeit widmen, kann sich im schlimmsten Fall eine neue Variante der Schweigespirale entwickeln: Die Besonnenen ziehen sich immer weiter zurück und gewinnen dabei den (eigentlich falschen) Eindruck, in der Minderheit zu sein – eine Wahrnehmungsverzerrung im Sinne der „pluralistic ignorance“. Die mediale und politische Kultur wird so immer weiter dominiert von den Aggressiven, den Penetranten und Impertinenten.

Lügenpresse-Debatte hinterlässt Spuren

Noch immer genießen vor allem Zeitungen und der öffentlich-rechtliche Rundfunk hohe Glaubwürdigkeit. Sie werden auch weiterhin stark genutzt. Es ist jedoch eine offene Frage, inwiefern das Abbröckeln der Nutzungsintensität bei den Jüngeren und eine Ausbreitung pauschalen Misstrauens gegen die etablierten Medien die nach wie vor unangetastete Stabilität dieses seit Jahrzehnten messbaren Musters langfristig in Frage stellen können. Die Lügenpresse-Debatte hinterlässt Spuren, ein hoher Bedarf in der Demokratie- und Medienbildung ist offensichtlich. Zudem erscheint es notwendig, das Vertrauen in die Medien und die Zustimmung zu gerechtfertigten und ungerechtfertigten medienkritischen Positionen und zu Verschwörungstheorien langfristig im Blick zu behalten. In diesem Sinne möchte die vorliegende, in Zukunft fortzuführende Studie ein Beitrag zu einem unabhängigen, dauerhaften Vertrauensmonitoring sein.

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