Sprechen im Radio - Teil 2: Was den erfolgreichen Moderator ausmacht
Sprechen im Radio - Teil 2: Was den erfolgreichen Moderator ausmacht Foto: © Robert Scoble

Sprechen im Radio - Teil 2: Was den erfolgreichen Moderator ausmacht

Natürlich, lebendig, kompetent, unverwechselbar – so soll ein Moderator sein, um die Hörer an den jeweiligen Sender zu binden!

Der erfolgreiche Moderator

  • hat ein spürbar konkretes Anliegen.
  • hat eine starke Imaginationskraft (Er soll einen „Dialog“ mit einem nur vorgestellten Hörer führen!).
  • wendet sich inhaltlich und emotional, mit Pride + Passion, dem imaginären(!) Hörer zu.
  • spricht mit wachen Sinnen und Verstand
    • statt nur (gut) betont eine 'Konserve' vorzulesen
    • statt pseudoprofessionelle Sprechklischees zu bedienen
  • ist neugierig auf das Echo, das er im Hörer auslöst.

Sein Atem ist dabei fließend und geräuschlos.

Seine Stimme ist klar, klangvoll, modulationsfähig, belastbar.

Seine Aussprache ist klar, leicht verständlich und natürlich.

Seine Haltung ist – auch beim Radio – aufrecht, wach, federnd gespannt

Gehen wir auf diese Punkte einmal genauer ein.

annalena schmidt 2017Annalena Schmidt arbeitet seit 1993 als Atem-, Stimm- und Sprechtrainerin (Atemrhythmisch Angepasste Phonation nach Coblenzer/Muhar) und ist Mitglied der DGSS (Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung). Deutschlandweit arbeitet sie für zahlreiche Radio- und Fernsehsender und Verlage. Foto: Darek Gontarski
www.sprechtraining.info

Sie haben ein spürbar konkretes Anliegen!

Die Betonung liegt dabei auf 'spürbar'. Wenn Sie vor einem Mikrofon stehen, gehe ich davon aus, dass Sie ein Anliegen haben. Aber wie oft haben Sie sich selbst schon bei anderen die Frage gestellt, warum dieser Langweiler vor dem Mikrofon stehen und reden muss. Der 'Langweiler' hatte sicher, wenn Sie ihn befragen würden, ein Anliegen, nur – keiner hat's gemerkt!

Sie haben eine starke Imaginationskraft!

Sie müssen meist mit einem nicht vorhandenen Hörer sprechen. Dazu muss das Mikrofon für Sie so lebendig werden wie eine konkrete Person, mit der Sie einen Dialog führen.

Auch das Studio, in dem Sie arbeiten entspricht nicht der Realität, die dem Hörer suggeriert wird. Er hört zum Beispiel ein gemütliches, intimes Wohnzimmer. Aber in Wirklichkeit sitzen Sie als Moderator in einem Studio, umgeben von ungemütlicher Technik. Um all diese Illusionen für den Hörer herzustellen, brauchen Sie Imaginationskraft!

Sie wenden sich inhaltlich und emotional dem imaginären (!) Hörer zu und Sie sind neugierig auf das Echo, das Sie bei ihm auslösen!

Während Sie sprechen ist Ihre ganze Konzentration auf den Hörer gerichtet. Denken Sie nicht über Ihre eigene Wirkung nach, oder darüber, ob Sie richtig betonen; denken Sie auch nicht an die Angst, sich zu versprechen. All diese Gedanken lenken Sie von Ihrem eigentlichen Ziel ab: Ihrem Zuschauer eine Geschichte erzählen zu wollen!

Während Sie sprechen beziehen Sie auch die Reaktionen Ihres (imaginären!) Hörers mit ein: Lasse ich ihm genügend Zeit, meinen Gedanken zu folgen? Will er noch mehr wissen? Wie nimmt er meine Geschichte auf? Kann ich ihn jetzt mit der Geschichte allein lassen? Diese innere Haltung wirkt sich auch auf die äußere Haltung aus und auf Ihre Art zu sprechen. Ihr Sprechtempo ist angemessen und es entstehen lebendige Sprechpausen – Spannungspausen statt Löcher – und der Zuschauer 'bleibt dran'!

Machen Sie das Echospiel: Gehen Sie an einen Ort mit Echowirkung. Rufen Sie die Frage „Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?“ und seien Sie – wie ein Kind – ehrlich, neugierig auf das Echo.

Was geschieht in der Pause, in der Sie auf Antwort warten, mit Ihrem Körper, Ihrem Atem, Ihrer sinnlichen Wahrnehmung, Ihren Gedanken und wie empfinden Sie selbst diese Pause? Lassen Sie es mich wissen (kontakt@sprechtraing.info)!

Sie sprechen konkret, mit wachen Sinnen und Verstand

  • statt nur (gut) betont eine „Konserve” vorzulesen
  • statt pseudoprofessionelle Sprechklischees, Klangfloskeln zu bedienen!

Sprechen heißt nicht, Texte mehr oder weniger gut betont vorzulesen, sondern sich äußern!

Im Leben fragen Sie sich nicht, ob Sie einen Satz richtig betont haben, ob Sie an der richtigen Stelle die Pause gemacht haben, ob Sie beim Komma mit der Stimme nach oben oder unten gehen. Sie machen sich auch keine Gedanken darüber, mit welcher Sprechmelodie Sie Ihre Emotion ausdrücken. Kaum aber haben Sie einen vorgefertigten Text vor sich, machen Sie sich all diese Gedanken, denn so haben wir es (in der Schule oder im Sprechtraining) gelernt:

  • Die Satzzeichen beim Sprechen: Beim Punkt geht die Stimme runter, beim Fragezeichen nach oben, beim Komma bleibt die Stimme ebenfalls oben etc... Das kann „richtig“ sein für das Hörverständnis, aber der Sprecher berührt mich nicht unbedingt.
  • Textanalyse: das Gipfelwort und damit die Betonungen und Atempausen werden festgelegt, Stimm- und Melodieführung werden – meist klischeehaft – der emotionalen Situation angepasst...
    Auch hier gilt: das Ergebnis kann in Bezug auf das Hörverständnis „richtig“ sein, aber es bleibt meist gelesen, klischeehaft und wirkt unlebendig – meinen Sie, und empfinden Sie, was Sie sagen! Niemand will mehr Klangfloskeln hören, jeder möchte von individuellen, echten Menschen mit echten Gefühlen angesprochen werden - auch in den Nachrichten (anchor!) - und möchte konkrete Geschichten erzählt bekommen!

Sprechen im Radio: Ausdruck und Wirkung - Lesen Sie im 3. Teil: Bereiten Sie ihr Sprechinstrument vor!

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