Sprechen im Radio - Teil 1: Ausdruck und Wirkung
Sprechen im Radio: Ausdruck und Wirkung (Teil 1) Foto: © Maren Beßler / pixelio.de

Sprechen im Radio - Teil 1: Ausdruck und Wirkung

„Bleiben Sie dran!“

Dies ist eine höchst populäre Überleitung zum Nachrichten- oder Werbeblock im Radio – und doch nicht selten ein frommer Wunsch, manchmal fast schon ein verzweifeltes Flehen von Moderatoren und Sprechern.

Was aber ist das “Geheimnis” dafür, dass wir uns von manchen Moderatoren und Sprechern angesprochen fühlen, uns überzeugen lassen, begeistert sind und “dran” bleiben, bei anderen buchstäblich “abschalten”?

annalena schmidt 2017Annalena Schmidt arbeitet seit 1993 als Atem-, Stimm- und Sprechtrainerin (Atemrhythmisch Angepasste Phonation nach Coblenzer/Muhar) und ist Mitglied der DGSS (Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung). Deutschlandweit arbeitet sie für zahlreiche Radio- und Fernsehsender und Verlage. Foto: Darek Gontarski
www.sprechtraining.info

Darüber, ob und wie ein Sprecher oder Moderator beim Zuhörer oder Zuschauer ankommt, entscheiden nicht nur die Sprechinhalte und/oder die Musik, die er präsentiert. Es sind Atem, Stimmklang, Tonfall und Aussprache, Mimik, Gestik, Körperhaltung, Bewegung und auch das persönliche Styling, kurz: es ist der Ausdruck der jeweiligen Persönlichkeit, der uns in den Bann zieht oder abschalten lässt. Die jeweilige Persönlichkeit gibt dem Sender ein „Gesicht“!

Dem TV-Sprecher/Moderator stehen alle persönlichen Ausdrucksmittel zur Verfügung. Der Radio-Sprecher/Moderator kann sich einzig auf seine Stimme verlassen, um Inhalte und Argumente zu transportieren und gleichzeitig Stimmungen und Gefühle auszudrücken. So erzeugt der Sprecher/Moderator mit seiner Stimme und seiner Art zu sprechen beim Hörer schon in den ersten Sekunden ein Bild von seiner Person - es entsteht ein auditives Image. Dieses sollte sympathisch und kompetent wirken, denn von dem ersten, emotionalen Eindruck hängt – meist unbewusst – die Entscheidung ab, ob und wie weit sich der Hörer auch der inhaltlichen Argumentation öffnet und „dran bleibt“, auch ohne dass er dazu verbal aufgefordert wird.

Warum das so ist

Ergebnisse der Hirnforschung und Neuropsychologie zeigen, dass die zwischenmenschliche Kommunikation überwiegend intuitiv, unreflektiert abläuft:

Wir nehmen mit unseren Sinnen pro Sekunde ca. 11 Millionen Reize auf. Von diesen Reizen werden allerdings nur ca. 40 bis 50 pro Sekunde bewusst verarbeitet. Die „restlichen“ Eindrücke gehen aber nicht verloren, sondern sie wirken im Unterbewusstsein und beeinflussen wesentlich unser Handeln.

Zur Verarbeitung dieser enormen Datenmenge stehen uns grundsätzlich zwei „Systeme“ zu Verfügung. Der Psychologe Daniel Kahneman nennt diese: „System 1“ und „System 2“.

Scheier und Held sprechen vom Autopiloten (System 1) und vom Piloten (System 2).

Der Autopilot steuert das Verhalten ohne zu reflektieren, intuitiv, spontan. Emotionen, bereits erlernte Muster und automatisierte Programme werden hier abgerufen. Dieses System ist sehr schnell und energiesparend und kann die große Datenmenge von fast 11 Millionen Bit locker verarbeiten.

Der Pilot hingegen handelt reflektiert. Er verarbeitet die Eindrücke durch bewusste Entscheidungen. Er arbeitet aber sehr langsam, denn Denken ist aufwändiger, braucht mehr Zeit und viel Energie. Daher schafft es der Pilot auch nur, ca. 40 Bit der gesamten Menge der Sinneseindrücke pro Sekunde zu verarbeiten. Überwiegend lässt er sich Entscheidungen vom Autopiloten „unterschieben“ und schaltet sich nur in Notsituationen ein.

Das heißt fürs Radio:

Bis der Hörer auf der bewussten Ebene ein Wort verstanden hat, hat der Autopilot längst eine emotionale Entscheidung getroffen: die Stimme mag ich, der vertraue ich, da höre ich zu oder, im umgekehrten Falle, schalte ich ab.

Entsprechend gilt es, den Hörer, den Sie ansprechen, interessieren, informieren und überzeugen wollen, zunächst auf der emotionalen Ebene zu gewinnen.
Dabei spielt Sympathie eine große Rolle. Wer als Person sympathisch wirkt, hat die Chance, auch Sympathien für die inhaltlichen Themen zu wecken!

Wann jemand im Radio sympathisch wirkt

Sympathisch wirkt, wer signalisiert:

1Ich habe ein echtes Anliegen - ich brenne für eine Sache!

211 Ich bin ehrlich an Dir, lieber Hörer, interessiert!

31 Es macht mir Freude, Dir, lieber Hörer, von Mensch zu Mensch etwas mitzuteilen (etwas mit Dir zu teilen!)

4 Ich erwarte mit Interesse Dein Echo!

Diese emotionalen Signale werden im Radio einzig durch die Stimme transportiert. Wenn die Stimme allerdings Signale sendet, die nicht mit der inhaltlichen Botschaft übereinstimmen (mit zu lauter, gepresster Stimme etwa verspricht uns der Moderator einen entspannten Abend), dann wird der Hörer dazu neigen, den Stimmsignalen mehr zu vertrauen als der inhaltlichen Botschaft, er wird irritiert sein, bezweifeln, dass der Moderator ihn in seiner Entspannung unterstützt und schaltet im Zweifelsfall einfach ab.

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